Impuls

Leere Kirchen

Leere Kirchen sind ein Zeichen. Nicht einmal mehr jede zehnte Katholikin, jeder zehnte Katholik besucht sonntags einen Gottesdienst. Und in der Pandemie sind die Kirchen noch leerer. Die weit auseinanderge- setzten wenigen Gläubigen erinnern an das Bild eines schadhaften Gebisses: Nur noch einzelne Zähne stehen da. Kein Wunder, dass die Kirche keinen Biss mehr hat.

Doch das Bild täuscht. Die Kirchen waren schon immer fast leer. Die meiste Zeit jedenfalls. Von den Gottesdiensten abgesehen stehen sie meist fast leer da. Das war auch schon in Zeiten so, als noch mehr Menschen in den Gottesdienst gingen.

Für mich sind solche leeren Kirchen ein Segen. Im Sommer sowieso, wenn draußen die Hitze brütet und ich mich in einem kühlen Kirchenraum einfach hinsetzen und ausruhen kann. Oder wenn ich an einem völlig fremden Ort in eine Kirche gehe und nicht nur ein interessantes Kulturdenkmal sehe, sondern in der Fremde ein Stück Heimat erlebe. Oder wenn ich nur Abstand vom Alltag will, einen Ruhepunkt suche, in einer Krise mich sammeln will – da ist eine leere Kirche ein wunderbarer Ort. Und nicht zuletzt: Eine leere Kirche ist ein Ort, an dem ich mich ungestört an Gott wenden kann.

Niemand will etwas von mir, nichts lenkt mich ab. Ich kann eine Kerze anzünden, ein Gebet sprechen – oder es auch lassen und nur für mich sein. Und ich finde leere Kirchen meist mitten im Ort, mitten im normalen Leben. Ein Schritt – und ich bin drin. Und wieder ein Schritt und ich bin auch wieder draußen. Ein wunderbarer Service.

Kirchen waren noch nie dafür da, dauernd voll zu sein. Sie sind ja keine Bahnhofshallen oder Marktplätze. Kirchen sind dazu da leer, aber offen zu sein. Damit man buchstäblich in sie eintreten kann. Jede und jeder. Es ist vielleicht eine der wichtigsten kirchlichen Aufgaben, solche erfrischenden Räume vorzuhalten, ohne Eintritt, ohne Mitmach-Zwang. Räume, in denen ich einfach nur da bin und in denen ich - wenn ich will – auch spüren kann, dass mit Gott noch ein anderer mit mir und für mich da ist.

Leere Kirchen sind deshalb für mich kein Problem, sondern ein Segen. Nur verschlossene Kirchen sind ein Problem.

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