Christentum in Zeiten der "Krankheit"

Unter dieser Überschrift verfasste Professor Tomas Halik einen Text „nicht nur zur Pandemie, sondern zum Zustand unserer Zivilisation“, wie er diese Veröffentlichung selbst nennt. Die Gedanken, die er formuliert, berühren die Seele und laden zum Nachdenken ein. Deshalb veröffentlichen wir den gekürzten Text für Sie. Wenn Sie Ihre Gedanken dazu mitteilen möchten, laden wir sie gerne ein, diese in einer E-Mail an pfarreirat@pfarrei-ruelzheim.de zu schreiben.

„Unsere Welt ist krank. Ich meine damit nicht nur die Pandemie des Coronavirus, sondern auch den Zustand unserer Zivilisation. Das globale Phänomen der Corona-Pandemie macht dies deutlich. Es ist, biblisch gesagt, ein Zeichen der Zeit. Viele von uns haben noch zu Beginn dieser ungewöhnlichen Fastenzeit gedacht, dass diese Epidemie zwar einen kurzfristigen Blackout verursache, eine Störung der gewöhnlichen Abläufe der Gesellschaft, dass wir aber alles irgendwie überstehen werden und dann bald wieder zum alten Modus zurückkehren könnten. Aber so wird es nicht kommen. Und es wäre schlecht, wenn wir uns darum bemühen würden. Nach dieser globalen Erfahrung wird die Welt nicht mehr dieselbe sein wie vorher – und offensichtlich soll sie auch nicht mehr dieselbe sein. Es ist natürlich, dass wir uns in Zeiten einer Katastrophe zunächst für die zum Überleben notwendigen materiellen Dinge interessieren. Aber es gilt weiterhin: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Es ist nun an der Zeit, auch die tieferen Zusammenhänge dieser Erschütterung der Sicherheiten unserer Welt in den Blick zu nehmen.

 

Welche Herausforderung stellt diese Situation für das Christentum, für die Kirche – also einen der ersten „Global Player“ – und für die Theologie dar?

Die Kirche sollte so sein, wie sie Papst Franziskus haben möchte: „ein Feldlazarett“. Der Papst meint mit dieser Metapher, dass die Kirche sich nicht in der bequemen „splendid isolation“ von der Welt absondern sollte, sondern über ihre Grenzen hinausgehen und denen helfen sollte, die physisch, psychisch, sozial und geistlich verwundet werden.

Dadurch kann sie auch dafür Buße tun, dass auch ihre Repräsentanten noch bis vor kurzem Verletzungen von Menschen zuließen, sogar der wehrlosesten. Versuchen wir jedoch, diese Metapher weiter zu denken - und sie noch tiefer mit dem Leben zu konfrontieren. Wenn die Kirche ein „Lazarett“ sein soll, soll sie auf jeden Fall gesundheitliche, soziale und karitative Dienste anbieten, wie sie das seit Anbeginn ihrer Geschichte tat. Die Kirche soll jedoch wie ein gutes Krankenhaus noch weitere Aufgaben erfüllen: die Diagnose („die Zeichen der Zeit“ zu erkennen), die Prävention (Gesellschaften, in denen sich die bösartigen Viren der Angst, des Hasses, des Populismus und des Nationalismus verbreiten, zu immunisieren) und die Rekonvaleszenz (durch die Vergebung die Traumata der Vergangenheit aufzulösen).

Zu sehr waren wir darauf bedacht, dass die „Welt“ (die anderen) umkehren müsste, als dass wir an unsere eigene

„Umkehr“ gedacht hätten - nicht nur an eine „Verbesserung“, sondern an die Wende vom statischen „Christ sein“ zum dynamischen „Christ werden“.

Vielleicht sollen wir das jetzige Fasten von den Gottesdiensten und vom kirchlichen Betrieb als einen kairos annehmen, als eine Zeit der Gelegenheit zum Innehalten und zu einem gründlichen Nachdenken vor Gott und mit Gott. Ich bin überzeugt, dass die Zeit gekommen ist, in der man überlegen sollte, wie man auf dem Weg der Reform weitergehen will, von deren Notwendigkeit Papst Franziskus spricht: weder Versuche einer Rückkehr in eine Welt, die es nicht mehr gibt, noch ein Sich-Verlassen auf bloße äußere Reformen von Strukturen, sondern eine Wende hin zum Kern des Evangeliums, ein „Weg in die Tiefe“. Ich sehe keine glückliche Lösung darin, dass wir uns während des Verbots öffentlicher Gottesdienste allzu schnell mit künstlichen Ersatzmitteln in Form von Fernsehübertragungen von Heiligen Messen behelfen. Eine Wende hin zu einer „virtuellen Frömmigkeit“, zum „Mahl aus der Ferne“ und das Knien vor dem Bildschirm ist in der Tat eine seltsame Sache. Vielleicht sollen wir eher die Wahrheit des Wortes Jesu erleben: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Haben wir denn wirklich gedacht, dass wir den Mangel an Priestern in Europa mit dem Import aus den scheinbar unergründlichen Lagern in Polen, Asien und Afrika ausgleichen könnten, um die Maschinerie der Kirche am Laufen zu halten? Vielleicht ist dieser „Ausnahmezustand“ nur ein Hinweis auf eine neue Form der Kirche, von der es jedoch bereits in der Geschichte Präzedenzfälle gab. Kardinal Bergoglio zitierte einen Tag vor seiner Wahl zum Papst eine Aussage aus der Apokalypse: Christus steht an der Tür und klopft an. Er fügte hinzu: Heute klopft jedoch Christus aus dem Inneren der Kirche an und will hinausgehen. Vielleicht hat er das gerade getan?

Wenn uns die Leere der Kirche an ein leeres Grab erinnern wird, sollten wir nicht die Stimme von oben überhören: „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa.“ Die Anregung zur Meditation für dieses seltsame Ostern lautet: Wo ist dieses Galiläa von heute, wo können wir dem lebendigen Christus begegnen?

„Suchende“ gibt es sowohl unter den Gläubigen (das sind diejenigen, für die der Glaube nicht ein „ererbtes Eigentum“ ist, sondern eher „ein Weg“), als auch unter den „Ungläubigen“, die religiöse Vorstellungen ablehnen, die ihnen ihre Umgebung vorlegt, die jedoch trotzdem die Sehnsucht nach einer Quelle spüren, die ihren Durst nach dem Sinn stillen könnte.  

Der Auferstandene ist durch die Erfahrung des Todes radikal verändert. Wie wir in den Evangelien lesen, konnten ihn nicht einmal seine Nächsten und Liebsten erkennen.

Wir wollen aus dem Schatz der Tradition, die uns anvertraut wurde, sowohl neue als auch alte Sachen herausholen, um sie zum Bestandteil des Dialoges mit den Suchenden zu machen; eines Dialoges, in dem wir voneinander lernen können und sollen. Wir sollen lernen, die Grenzen unseres Verständnisses von Kirche radikal zu erweitern. Der Herr hat bereits „von innen“ angeklopft und er ist bereits hinausgegangen - und es ist unsere Aufgabe, ihn zu suchen und ihm zu folgen. Christus ist durch jene Tür hindurch gegangen, die wir aus Angst vor den anderen verschlossen hatten, er ging durch die Wand, hinter der wir uns verschanzten, er öffnet uns einen Raum, vor dessen Breite und Tiefe uns schwindelig wurde.“

Tomáš Halík (Jahrgang 1948) ist Priester und Professor für Soziologie an der Karls-Universität in Prag.