Rezept für das neue Jahr

Was Goethes Mutter empfiehlt

„Vom Vater hab´ ich die Statur, des Lebens ernstes Führen.
Vom Mütterlein die Frohnatur und Lust zu fabulieren.“

So erinnert sich Johann Wolfgang von Goethe an seine Eltern. Die Mutter, Catharina Elisabeth, war eine lebenslustige und geistreiche Frau. Sie liebte die Gesellschaft. Gäste waren in ihrem Haus immer willkommen. 

An einem Neujahrstag überraschte sie die Freunde mit einem ganz eigenen Rezept. Es lautet:

„Man nehme 12 Monate, putze sie sauber von Neid, Bitterkeit, Geiz, Pedanterie und zerlege sie in 30 oder 31 Teile, so dass der Vorrat für ein Jahr reicht. Jeder Tag wird einzeln angerichtet aus 1 Teil Arbeit und 2 Teilen Frohsinn und Humor. Man füge 3 gehäufte Esslöffel Optimismus hinzu, 1 Teelöffel Toleranz, 1 Körnchen Ironie und 1 Prise Takt. Dann wird die Masse mit sehr viel Liebe übergossen.  

Das fertige Gericht schmücke man mit Sträußchen kleiner Aufmerksamkeiten und serviere es täglich mit Heiterkeit.“  

Mir gefällt dieses Rezept. So würde ich das neue Jahr gerne gestalten! Aber ist das realistisch? Wie schnell laufe ich wieder im Hamsterrad des Alltags?!

„1 Teil Arbeit und 2 Teile Frohsinn und Humor“? Ein frommer Wunsch! Bestimmt hatte es Mutter Goethe zu ihrer Zeit viel leichter, so gelassen und zuversichtlich zu bleiben. So habe ich zuerst gedacht. Aber dann erfahre ich: Auch das Leben der Catharina Elisabeth war kein Zuckerschlecken. So starben vier ihrer sechs Kinder schon früh.

Nur Johann Wolfgang und die Tochter Cornelia überlebten. Aber die Mutter verzweifelte nicht; sie behielt ihren Lebensmut und ihren Humor. Die Kraft dazu gab ihr der christliche Glaube. Auf die „Gretchenfrage“ nach der Religion antwortete sie kurz und knapp: „Der Glaube an Gott, der macht mein Herz froh, und mein Angesicht fröhlich.“

Andreas Britz