Internationales Christentum

Meine ersten großen, prägenden Erlebnisse im christlichen Glauben, die waren international. Mit 15 Jahren bin ich zur Internationalen Messdienerwallfahrt nach Rom mitgefahren. Junge Leute aus allen möglichen Ländern kamen da zusammen, haben gesungen, gebetet, getanzt. Und mit 16 war ich dann in Taizé in Frankreich, wieder: ein internationales christliches Jugendtreffen. Was war ich fasziniert von all den jungen Leuten aus Spanien, Italien, Südamerika. Was hab ich gestaunt über deren Sprache und Lieder und Frömmigkeitsformen. Warum ich mich daran jetzt oft erinnere: Ich kann es nicht fassen, dass manche in Deutschland so tun, als wäre der christliche Glaube eine besondere Sache des europäischen Abendlands. Oder gar: eine Sache der Deutschen. Christlicher Glaube: der ist international. Das wurde mir damals schon ganz klar.

Und noch mehr begriffen hab ich es dann, als ich für ein Jahr zum Theologiestudium nach Paris gegangen bin. Vieles, von dem ich dachte: das gehört zu meinem christlichen Glauben – das gab es dort plötzlich nicht. Kirchenlieder, die ich kannte, zum Beispiel auch: Weihnachtslieder, die wurden dort einfach nicht gesungen. Oder: Adventskränze und Adventskalender: Die hab ich in Frankreich vergeblich gesucht. Dinge, die ich für typisch christlich oder katholisch gehalten habe – die waren eben einfach nur: typisch deutsch. Gehörten zu meiner Kultur. Aber nicht zur allgemein christlichen. In Frankreich war man nicht weniger christlich, aber eben anders.

Das Christentum: Es ist ungeheuer vielfältig. Kulturell unterschiedlich. Eben: international. Und das war es von Anfang an, seit dem großen Völkerapostel Paulus. Der Kern des Christentums ist nicht eine besondere Kultur oder Sprache. Es ist eine Botschaft, und zwar eine globale: Alle Menschen auf dieser Welt sind Kinder Gottes. Keine Nation oder Kultur ist besser als die andere. Keine Nation darf sagen: Nur uns soll es gut gehen. Wir sind die Ersten, die andern sollen schauen, wo sie bleiben.

Meinen christlichen Glauben leben, das heißt deshalb für mich, seit Jugendtagen: Ich setz mich ein für die Menschenwürde und Gerechtigkeit überall auf der Welt, für alle Menschen. Eben: weil christlicher Glaube international ist.

von Beate Hirt, Mainz, Katholische Kirche